Droge Shakespeare

William Shakespeare First Folio Ausgabe

Während einer Amerikareise verbrachte ich einige Tage bei neuen Bekannten in Cincinnati. Meine Landlady, Sally C., war kulturell sehr interessiert; wir führten lange Gespräche über die Welt im Allgemeinen und über die Literatur im Besonderen. Obwohl ich mich mit persönlichen Bekenntnissen zurückhielt, realisierte sie schnell, dass mein Hauptinteresse «dem sogenannten Bühnenautor William Shakespeare» galt und brachte mir am letzten Abend mit einer geheimnisvollen Miene einige Bücher aufs Zimmer. Die Bemerkung, dass niemand diese Bände sehen durfte, vor allem ihr Ehemann nicht, weckte meine Neugier aufs Äusserste. Noch mehr die Mitteilung, dass sie mir damit ein Familiengeheimnis, nämlich die tragische Geschichte ihrer Ur-Ur-Urgrosstante anvertrauen wollte. Da mir vor der Abreise nur noch wenige Stunden zur Verfügung standen, fing ich gleich zu lesen an – und hörte bis zum Morgengrauen nicht auf.

Was war das für eine Nacht!

 

Delia Bacon

Hier eine kurze Zusammenfassung der Lektüre, die mich über alle Massen aufgewühlt hatte.

«Ein protestantischer Geistlicher zog 1811 mit Frau und Kindern in die wilden Wälder von Ohio, um Indianer zu bekehren. So kam die amerikanische Autorin Delia Bacon fernab jeglicher Zivilisation auf die Welt. Der Missionstätigkeit des Vaters war kein Glück beschieden, Hunger, Kälte, wilde Tiere und feindliche Eingeborene bedrohten ständig das Leben der kleinen Familie. Der gute Pastor musste unverrichteter Dinge – es heisst, ohne je einen Indianer getauft zu haben – und völlig verarmt nach Connecticut zurückkehren, wo er bald darauf starb.

 

Weil seine Witwe für Delia keine höhere Schule bezahlen konnte, nahm die junge Dame die eigene Ausbildung selbst in die Hand; mit viel Disziplin und Ausdauer brachte sie es so weit, dass sie schon im Alter vom 15 Jahren gleichaltrige Mädchen unterrichten konnte.

Ihr guter Ruf als Erzieherin verbreitete sich rasch – ihre grösste Leidenschaft galt jedoch der Literatur. Kaum zwanzig, gewann sie den ersten Preis in einem nationalen Wettbewerb, wo sie keinen geringeren als Edgar Alle Poe hinter sich liess! Sie schrieb auch ein erfolgreiches Theaterstück; der Bruder jedoch, inzwischen selbst ein Theologe, verbot ihr künftig solche unchristlichen Tätigkeiten. Sie gehorchte, obwohl sie sich inzwischen als Essayistin und Shakespeare-Kennerin einen Namen gemacht hatte; für die damalige Zeit eine erstaunliche Tatsache, weil die Literaturwissenschaft noch eine reine Männerdomäne war.

Als Erzieherin hätte Delia Bacon eine glänzende Karriere einschlagen können, höhere Schulen für wohlhabende Mädchen waren damals rar. Eines Tages quittierte sie jedoch alle Verpflichtungen und widmete sich sechs Monate lang einer mörderischen Arbeit: dem Shakespeare-Kritizismus. Mit Akribie durchsuchte sie alle seine Werke, um Ungereimtheiten und versteckte Hinweise über Politik, die Umgebung und den Autor selbst zu finden. Sie kehrte mit der unerschütterlichen Überzeugung in die Öffentlichkeit zurück, dass der zweitrangige Schauspieler William Shakespeare vom Globe Theater nicht der Autor dieses Oeuvres sein kann! Er besass weder die Bildung noch das weltmännische Format, um solche grossartige Literatur zu schreiben. Ihr zufolge schuf eine Gruppe von Englands Elite die Bühnenwerke, deren zentrale Figur ein berühmter Philosoph und Staatsmann war:

 

Lord Francis Bacon

 

Sir Francis Bacon

Der gleiche Familienname war reiner Zufall, sie bildete sich keineswegs eine entfernte Verwandtschaft ein.

Unglücklicherweise machte sie in dieser Zeit die Bekanntschaft mit Samuel Morse, dem Erfinder des Telegraphs, der gerade seine bahnbrechenden Chiffre-Methoden präsentierte. Er brachte der Bacon-Anhängerin bei, wie man Geheimcodes entziffern und in alten Schriften verborgenen Zahlen- und Buchstabenkombinationen ausfindig machen konnte.

Dazu hätte sie jedoch alle Werke von Shakespeare erneut durchsuchen müssen! Für jeden Grund genug, das unmögliche Vorhaben aufzugeben – aber nicht für Miss Bacon. Nichts konnte sie von dieser Arbeit abhalten, weder Entbehrungen noch die Drohungen des Bruders oder die Empörung anderer Wissenschaftler. Sie arbeitete wie besessen – und brachte ihre Begründungen ausführlich zu Papier in der Überzeugung, dass die Welt nicht den Provinzler aus Stratford-upon-Avon, wohl aber das Genie Francis Bacon feiern sollte.

Zuletzt machte sie sich mit ihren beschränkten finanziellen Mitteln auf den Weg nach England. Körperlich und psychisch angeschlagen irrte sie auf historischen Plätzen und Friedhöfen umher und wollte sogar Gräber öffnen lassen, um dort die letzten Beweise für ihre Theorie zu finden. In Stratford verbrachte sie in einer ärmlichen Stube mehrere Monate praktisch im Bett, weil sie die Heizung nicht bezahlen konnte – und schrieb und schrieb, trotz Fieber und Husten.

Allmählich erregte sie öffentliches Mitleid und mit Hilfe einiger Landsleute wurde ihr grosses Werk über den wahren Autor der Shakespeare’schen Dramen verlegt.

Kaum einer las es – und niemand verstand es.

Nach diesem Misserfolg verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Der Bruder musste sie nach Amerika zurückholen und in einer Anstalt pflegen lassen. Die Werke von William Shakespeare und Lord Francis Bacon wurden jedoch endgültig aus ihrer Umgebung verbannt, die eigenen Schriften ebenso.

1859 verstarb sie in geistiger Umnachtung.»

Beim Abschied von meiner Gastgeberin war ich tief bewegt und bedankte mich mit zitternder Stimme für ihr Vertrauen. Zum Glück hatte die Lady die Ursache meines Gemütszustandes nicht verstanden und blühte regelrecht auf: Sie wollte mir sogar weitere Geheimnisse anvertrauen! So erfuhr ich, dass sie ein wichtiges Mitglied des Bacon-Vereins ist und dessen Arbeit jahrelang mit hohen Summen unterstützte. Eigentlich gab es schon seit dem Ableben von Delia Bacon eine weltumfassende Bewegung, von Literaten und Wissenschaftlern vorangetrieben, die felsenfest glaubten, dass die alte Jungfer recht hatte! Ein Heer von «Baconianern» der neuen Generation arbeitet auch heute unermüdlich daran, die Lügen über William Shakespeare zu entlarven.

Sally flüsterte mir auch ihren grössten Kummer zu: Ihr Ehemann unterstütze sie gar nicht, in der Familie ist das Thema schon seit längerer Zeit verboten. Er hatte Angst, es könnte eventuell eine erbliche Veranlagung vorliegen, und verbannte jegliche Literatur über Delia Bacon aus dem Haus, die gesammelten Werke von Shakespeare und Francis Bacon inklusive. Dass sie ihr privates Vermögen insgeheim schon aufgebraucht hatte, um die Bewegung zu unterstützen, brachte bei ihm das Fass zum Überlaufen: Die jährliche Reise nach England wollte er nicht finanzieren und die Korrespondenz mit Gleichgesinnten wurde ihr verboten! Zum Glück konnte sie einige der kostbaren Bücher in einem Geheimfach verstecken und die Informationen des Vereins kämen an die Adresse einer Freundin.

Ich versicherte ihr, dass sie das Geheimnis der richtigen Person anvertraute, weil ich selbst ebenso fest überzeugt war, den falschen Mann als Autor der unsterblichen Werke zu verehren. Eben darum sollten wir Kontakt halten und Neuigkeiten austauschen!

Ihre Freude war unbeschreiblich. Wie Mitglieder eines Geheimbundes hatten wir Versprechungen gemacht, Adressen ausgetauscht und in euphorischem Zustand voneinander Abschied genommen.

 

Ich jubelte innerlich und konnte mein Glück kaum fassen: Mir war es gelungen, zum harten Kern des feindlichen Lagers vorzudringen! Ich habe die späte Verwandte der verrückten Miss Bacon kennengelernt, die genau so verrückt zu sein scheint, wie ihre Ur-Ur-Urgrosstante, die diesen Unfug in die Welt gesetzt hatte.

Der trockene Stubengelehrte Lord Francis Bacon als Dichter? Lächerlich.

 

Ich nahm mir vor, meine Mitstreiter sofort über das Geschehene zu informieren, ihr Lob und ihre Anerkennung waren mir gewiss. Ich werde wie ein Spürhund auf der Fährte bleiben und von meiner neuen «Freundin» alles aus erster Hand erfahren, was die Baconianer im Schilde führten.

Diese kriminelle Bande war nämlich zu allem fähig: Sie fälschten, stahlen Dokumente und vernichteten kostbare Beweise, die ihre Theorien gefährdeten. Und Sally faselte sogar etwas von einem Durchbruch! Nicht zu fassen – was haben sie wieder verdreht und gefälscht, um ihren Zielen näher zu kommen?

Um es vorweg klarzustellen: Vor einem echten Durchbruch stehen nur WIR!

Auch ich habe weder Geld noch Mühe gescheut, um der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Bald wird die staunende Welt von uns das bestgehütete Geheimnis der Literaturgeschichte erfahren, nämlich den Namen des wirklichen Autors der Shakespeare’schen Dramen:

 

Edward de Vere, the Seventeenth Earl of Oxford

 

Edward de Vere, 17th Earl of Oxford

Er war das Genie, der seinem Freund, Will Shakespeare aus dem Theatermilieu bat, die Bühnenwerke als seine eigenen aufführen zu lassen. Nur er hatte die Ausbildung, das Talent, die philosophische Tiefe und die menschliche Erfahrung! Aber damals war es unter der Würde eines Aristokraten, als Autor von blutigen Dramen und frivolen Komödien aufzutreten. In Kürze können wir, «Oxfordianer», unsere Theorie mit authentischen Dokumenten beweisen, diesbezüglich habe ich in der letzten Zeit vielversprechendes gehört – jetzt werden unsere besten Köpfe die Forschungsergebnisse in Kürze öffentlich machen!

Wir sind also bald am Ziel; leider habe ich inzwischen einige private Unannehmlichkeiten, die noch zu beseitigen wären.

Mein Mann benimmt sich seit einiger Zeit merkwürdig. Als ihm zufällig ein Bankauszug von meinem privaten Konto in die Hände kam, sprach er tagelang nicht mit mir. Ja, das Geld, was ich von Mutti geerbt habe, ist alle. Na und? Die Nachforschungen kosten so viel, und wenn ich selbst nicht aktiv mithelfen kann, dann wenigstens mit Geld … Mein Mann sperrte sogar unser gemeinsames Konto und will mir die monatlichen Ausgaben lieber bar in die Hand geben.

Ausserdem zwingen ihn Börsenverluste zum Sparen, und die Reise zu meiner «besten Freundin» in Oxford kann er auch nicht bezahlen. Oh weh, werde ich unseren grössten Triumph nicht hautnah miterleben können?

Meine Tochter geht mir gleichwohl auf die Nerven, jeden Tag ruft sie zu unmöglichen Zeiten an. Ihr ständiges Gezeter lautet: Ich sollte mich in einer schönen Umgebung ausruhen! Wie wäre es in den Schweizer Bergen?

Mein Sohn hingegen plädiert für eine Studienreise nach New Zealand, weit weg von europäischer Kultur.

Sie spinnen doch alle. Solche teuren Reisen … sind wir jetzt pleite oder nicht?

 

Und wo sind überhaupt meine Bücher?

 

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